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Das Bürgerliche Waisenhaus
© by altbasel.ch

Theodorskirchplatz 7lageplan

Tram- / Bushaltestelle Wettsteinplatz

Ein verlassenes Kloster

Der Gebäudekomplex des heutigen Bürgerlichen Waisenhauses von Basel hat eine bewegte Vorgeschichte. Er war einst das letzte gegründete Basler Kloster, welches durch die Reformation im 16.Jh zum Untergang verurteilt wurde. Mit dem Tod von Pater Thomas Kresszi, dem letzten Kartäuser, war ab 1564 das Kloster seiner Funktion beraubt und wurde zum verlassenen Gemäuer.

Der Rat Basels liess das Klostergut durch einen Schaffner verwalten, der unter der Aufsicht mehrerer Pfleger stand. 1590 wurden die Bestände der Bibliothek des Klosters in die Bibliothek der Universität überführt. Ferner wurde dem Antrag der Pfleger stattgegeben, die übrigen Zierobjekte der Kirche zu verkaufen oder dem Schmelzofen zu übergeben.

waisenhaus

Das alte Waisenhaus in der ehemaligen Kartause im 17.Jh.

1 - Eingangstor mit Pförtnerhaus (1913 vergrössert)
2 - Ehemalige Bäckerei des Klosters
3 - Langes Haus, ab 1754 Häftlingszellen im Erdgeschoss
4 - Gr. Haus, Wohnung Hausmeister/Waisen, Schul- und Speisesaal
5 - Mittlerer Waisenhausflügel, ab 1843 unter einem Dach mit Kirche
6 - 20.Jh Spielplatz anstelle von Kreuzgang und Friedhof
7 - Kleine Kartause, von 1945-61 "Sunnehüsli"
8 - Standort des 1863 erbauten Pfleghauses
9 - Waisenhauskirche mit Knabenschlafsälen im Schiff ab 1822

Anno 1619 wurde die Schlaguhr entfernt und am Glockenturm der nahen Theodorskirche angebracht. Dann wählte man die Kartause als neues Domizil des Waisenhauses. Dieses war 1667 im Steinenkloster eingerichtet worden, wo man gleichfalls straffällige Personen einsperrte. Die Kinder mussten dort für einen Bandfabrikanten arbeiten und lebten zusammen mit Häftlingen in diesem arg heruntergekommenen Kloster.


Arbeitsanstalt für Waisenkinder

Die Absicht war es weniger den Waisenkindern ein behagliches und liebevolles Heim zu geben. Sie sollten vielmehr erzogen und gezüchtigt werden, und möglichst rasch lernen sich an Arbeit zu gewöhnen, um später ein eigenes Einkommen zu haben. Die Baslerische Obrigkeit erwartete, dass die Arbeit der Kinder genug Ertrag brachte um diese Waisenanstalt teilweise damit zu finanzieren.

Basels Rat beschloss im Juni 1669 die Verlegung des Waisenhauses in die alte Kartause - die Zahl der aufzunehmenden Kinder war in den beiden Jahren zuvor stark gestiegen. Man benötigte ein geräumigeres Domizil, das man im alten Kloster der Kartäuser fand. Im August dieses Jahres zog das sogenannte Zucht- und Waisenhaus in die Kartause um.

Häftlinge und Waisenkinder wurden anfangs in die Theodorskirche zum Gottesdienst geführt, woran einige Leute Anstoss nahmen. Damit die frommen Kirchgänger nicht mehr mit Waisen und Sträflingen zusammen zu Gott beten mussten, wurde eigens ein Waisenprediger angestellt, der den Gottesdienst in der alten Kirche der Kartause abhielt. Als erster bekleidete von 1670 bis 1679 Leonhard Bartenschlag dieses Amt.


Das Waisenhaus in Geldnot

Einer seiner Nachfolger, Theodor Gernler, wirkte von 1697 bis 1700 als Prediger. Er verfasste ein Gebet welches nach der Predigt in der Waisenkirche zu sprechen war. Es gebot den Waisen, ihren Erziehern, Lehr- und Zuchtmeistern stetig Gehorsam zu sein. Die Gefangenen ihrerseits, sollten sich ergeben in die ihnen auferlegte Strafe schicken.

Dem Waisenhaus fehlte es zunehmend an Geld. Man versuchte 1673 mit einer Lotterie die Lage etwas zu verbessern. Als 1677 schliesslich 140 Waisen in der alten Kartause lebten, waren die finanziellen Mittel erschöpft. Mit der Übergabe der Kirche St.Jakob und allem was zu ihr gehörte 1677/79, fand man einen Ausweg aus der Misere.

caritasbrunnen

Der Caritasbrunnen den Baltasar Hüglin 1677 für das Waisenhaus schuf. Auf der reich verzierten Brunnensäule - die Caritas als Personifikation der werktätigen Liebe, umgeben von kleinen Kindern.
Salär aus Kinderarbeit

Die Übergabe brachte dem Waisenhaus nicht nur die kleine Kirche St.Jakob mit ihren Almosen, sondern auch deren Häuser, Reben, oder Weiden und Einnahmen von Weiderechten, Birszoll oder Bodenzinsen. Eine andere Massnahme mutet befremdlich an. Man schloss mit Hausvater Hans Heinrich Wild einen Vertrag, der besagte dass er sein Einkommen aus der Arbeit der Kinder und Häftlinge beziehen sollte.

Man höre, dass dem Hausvater der Ertrag aus den Arbeiten der Kinder und Gefangenen zukommen sollte. Er hatte dafür nach seinem Gutfinden die Waisen und Häftlinge zur Arbeit anzuhalten, und sie auf seine Kosten mit Lehrmeistern zu versehen. Mit dem Einkommen hatte er allerdings auch die Lebenskosten des Hauses zu decken. Es liegt auf der Hand, dass ein solches System seine Schwächen haben musste.

Im selben Vertrag wurde dem Hausvater auch auferlegt, die Kinder in gesunden wie in kranken Tagen mit Nahrung und Kleidern zu versorgen. Ferner mussten die Waisen vier Stunden täglich Schulunterricht bekommen. Die Unterbringung von Sträflingen und Waisen in der alten Kartause gab immer wieder Anlass zu Beschwerden durch die Waisenhausinspektion. Nur verschloss der Rat von Basel seine Ohren.


Waisenvater Bauler

Die erwachsenen Gefangen sollen nebst schlechtem Einfluss auch "abscheuliche" Krankheiten ins Waisenhaus gebracht haben. Die Ratsherren von Basel vermochten deswegen keinen Handlungsbedarf zu erkennen. Üble Zuständen herrschten um 1729. In jener Zeit habe Waisenvater Abraham Bauler, ein Strumpffabrikant, seine Pflichten wiederholt vernachlässigt.

Die Waisenkinder seien verwahrlost und "reudig" gewesen - sie hatten die Krätze. Dieser sehr ansteckende Befall durch Milben trat bei Menschen oft infolge mangelhafter Ernährung auf. Die Kinder hätten auch geschwollene Glieder gehabt. Waisenvater Bauler wurde schliesslich 1739 nach zu harter Züchtigung eines Kindes seines Amtes enthoben. Neunzehn Jahre waren ihm die Waisen ausgeliefert gewesen.

Erst im Jahr 1754 trennte man die Gefangenen von den Waisenkindern. Der Anlass dazu war aber weniger die Sorge um das Wohl der Kinder. Vielmehr steckte man neuerdings auch Gattinen aus zerbrochenen Ehen ins Zucht- und Waisenhaus, wo man von ihnen erwartete dass sie über ihre Fehler nachdachten - eine merkwürdige Geisteshaltung. Diese Frauen stammten teilweise aus angesehenen Familien.

gartenfassade

Hofpartie des grossen Hauses (mitte), einst Schul- und Speisesaal, mit mittlerem Waisenhausflügel (rechts) und langem Haus auf der linken Seite (ab 1754 mit Zellen für Häftlinge).
Aus diesem Grund setzte sich die Ansicht durch, dass es für die eingesperrten Gattinen unzumutbar sei, mit Gefangenen die Räume zu teilen. Nun wurden in den Gebäude Umbauten durchgeführt, um sowohl die Geschlechter als auch die Waisen, die Gefangenen und die Frauen getrennt unterzubringen. Man verwendete dabei Baumaterial das beim Abriss einiger der Klosterzellen anfiel.


Die Gefangenen verlassen das Waisenhaus

Eine wichtige Neuerung kam 1776. Die Waisenhausinspektion erreichte beim Rat, dass man die Praxis beendete dem Waisenvater den Ertrag aus der Kinderarbeit zu überlassen. Er wurde nunmehr direkt durch die Inspektion besoldet, die auch die Versorgung der Waisen sowie der Gefangenen übernahm. Der Ertrag kam der Inspektion zu.

In der Kartause wurde erneut umgebaut. Die letzten Klosterzellen wurden 1776 abgerissen um mehr Licht in die Wohnräume zu lassen. Wo sie zuvor standen wurde ein Nutzgarten angelegt. Im selben Jahr erhielten alle Kinder neue Kleidung. Die Waisenbekleidung bestand aus zwei Garnituren für Wochen- und Werktage, wobei das blaue Wolltuch zu einem Markenzeichen werden sollte.

Unter dem Druck der von Napoleon erlassenen Mediationsverfassung wurde die Waisenanstalt dem Stadtrat unterstellt. Dieser setzte nun endlich die vollständige Trennung von Gefangenen und Waisen um. 1806 wurden die Gefangenen ins alte Predigerkloster verlegt, wo bereits seit 1767 ein Gefängnis eingerichtet war. Nun war die Kartause endlich nur noch den Waisen vorbehalten.


Reorganisation und Umbauten

Die sogenannte Waisenanstalt wurde 1821/22 einer Neuorganisation unterzogen. Dabei gab es auch Umbauten, in dessen Rahmen im einstigen Kirchenschiff zwei Schlafsäle für Knaben und ein weiteres Schulzimmer geschaffen wurden. Neu sollte der Waisenprediger nur noch Religion unterrichten, wobei ihm weiterhin die Aufsicht über den gesamten Schulunterricht übertragen war.

Anno 1836 brachte eine Reorganisation dem Waisenvater die Entlastung von Verwaltungsarbeiten. Der Schulunterricht wurde ausgebaut und der Verkauf der Besitztümer zu St.Jakob an Christoph Merian brachte dem Waisenhaus 225'000 Franken. Im Jahr darauf konnte der Boden in der alten Kartause mit einem Pflaster versehen werden. Insgesamt wurden bis 1838 rund 40'000 Franken für Bauarbeiten ausgegeben.

gartenfassade

Die 1850 mit einer Spende von Christoph Merian erworbene "Kleine Kartause", ab 1852 Heim für Kinder zwischen fünf und zehn Jahren, von 1945 bis 1961 Beobachtungsheim "Sunnehüsli".
Die Kirche konnte 1842 renoviert werden, und dank einer Spende von Christoph Merian in der Höhe von 50'000 Franken konnte 1850 die sogenannte "kleine Kartause" (auch "alte Kartause") mit etwas Land erworben werden. In diesem Gebäude, heute Oberer Rheinweg 95, bekamen ab 1852 die Kinder zwischen fünf und zehn Jahren ein eigenes Heim. Das Haus diente 1945/61 als Beobachtungsheim "Sunnehüsli".

Für die Kinder unter zehn Jahren wurde 1863 auf dem nordwestlichen Areal der Anstalt das dreistöckige Pfleghaus gebaut. Drei in "Familien" unterteilte Gruppen von kleinen Kindern zogen hier ein, während im obersten Geschoss der Verwalter der Waisenanstalt seine Wohnung erhielt. Weitere Renovationen so wie Um- und Ausbauten fanden 1869/71 statt um Platz für insgesamt 200 Kinder zu schaffen.

Im Jahr 1886 wurde die Schule der Waisenanstalt aufgehoben, womit die Waisenkinder öffentliche Schulen besuchten. Zwei Jahre später erhielt die Institution den offiziellen Namen "Bürgerliche Waisenanstalt". Dieser Name wurde bis 1930 beibehalten, dann erschein die aktuelle Bezeichnung "Bürgerliches Waisenhaus". Zwei Jahre zuvor hatte man das Gruppensystem mit sieben Gruppen zu 12 bis 18 Kindern eingeführt.


Sieben kleine Familien

Die sieben Gruppen lebten in eigenen Wohnräumen die Schlafzimmer, Waschraum, Aufgaben-, Arbeits- und Bastelzimmer, Wohnstube, Erzieherzimmer und Toiletten umfassten. Die kleinen Familien erhielten die Namen "Sunneschyn", "Immergrün", "Jubilate", "Felicitas", "Kartause", "Musica" und "Excelsior". Diese Gruppen waren noch nach Geschlechtern getrennt - Knaben und Mädchen wurden nicht gemischt.

Im Jahr 1929 gab es Umbauten in der Knabenabteilung und der sogenannte Kartäusersaal wurde eingerichtet. Die Küche wurde modernisiert und die Kirche des Waisenhauses unterzog man einer Renovation. 1931 baute man die Abteilung für Mädchen und jene für Kleinkinder um. Zugleich wurden die ehemalige Bibliothek der Kartause und die alte Sakristei der Kirche umgebaut.

Da mit Beginn einer Lehre die Jugendlichen aus dem Waisenhaus austraten, brachte dies für viele von ihnen in den harten Zeiten der Weltwirtschaftskrise ein Gefühl der Entwurzlung mit sich. Besonders schlimm war dies, wenn sie keine Bleibe in einer Unterkunft für Lehrlinge fanden. Aus diesem Grund wurde 1938 die Lehrlingsgruppe "Flamme" im einstigen Kapitelhaus ins Leben gerufen.


Das Sunnehüsli am Oberen Rheinweg

Das bereits erwähnte Beobachtungsheim "Sunnehüsli" wurde 1945 am Oberen Rheinweg 95 eingerichtet. Unter den Kindern die in Heimen ausserhalb des Waisenhauses untergebracht waren, gab es damals eine steigende Anzahl von Fällen die durch einen Psychiater untersucht werden sollten. Zwölf Kinder im Alter von vier bis neun Jahren konnten zur Beobachtung im Sunnehüsli untergebracht werden.

Es zeigte sich jedoch, dass die Raumverhältnisse zu beengt waren, um die Kinder fruchtbar zu betreuen. Das Heim stand unter der ärztlichen Leitung der Psychiatrischen Poliklinik für Kinder und Jugendliche. Zwar war das Sunnehüsli dem Waisenhaus unterstellt, doch die pädagogische Zusammenarbeit zwischen dem Heim und dem Waisenhaus war nicht optimal. Das Heim wurde 1961 geschlossen.

In den Nachkriegsjahren steig die Zahl von Kindern aus zerrütteten Ehen, die vorübergehend ins Waisenhaus kamen. Für die Gemeinschaften der Familiengruppen wurden die resultierenden häufigen Wechsel von kommenden und gehenden Kindern eine Belastung. Um der Situation begegnen zu können wurde 1951 eine Aufnahme- und Durchgangsstation geschaffen, wo erstmals Mädchen und Knaben gemischt lebten.


Gemischte Familien

Im Jahr 1961 war ein Neubau für das Lehrlingsheim und die Gruppe für die ältesten Knaben fertig zum Bezug. 1965 wurde ein Umbau im Nordwestflügel abgeschlossen. In der Folge konnten die neugegründete Familie "Cantate" und die Familie "Musica" Räume in diesem Flügel beziehen. Die beiden Familien wurden nun gemischt mit Mädchen und Knaben geführt. Das Pfleghaus von 1863 wurde 1966/67 umgestaltet.

Nach 300 Jahren hatte sich das ehemalige Kartäuserkloster von einer Zucht-und Waisenanstalt zu einem zeitgemässen Waisenhaus gewandelt. Die Mauern könnten von viel kindlichem Leid berichten, aber auch von Engagement und Einsatz für die Jugend.





Querverweise:

>> Beitrag zur Kartause am Theodorskirchplatz



Literatur:

Walter Asal, Bürgerliches Waisenhaus Basel in der Kartause, 149. Neujahrsblatt GGG 1971, Helbing & Lichtenhahn

C.H.Baer, Kunstdenkmäler des Kantons Basel Stadt, Band 3, 1941, Birkhäuser Verlag, Seite 449 bis 594

Arthur Burger, Brunnengeschichte der Stadt Basel, 1970, Herausgegeben vom Verkehrsverein Basel, Seiten 62 bis 63

Kartause und Waisenhaus zu Basel, 1969, ohne Autor und Verlag

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