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Glosse Nr.46 / 17. November 2013

Mit dem U-Abo in den Dschungel

Das Ess- und Trinkverbot in Trams 2003 (Siehe >> Glosse Nummer 1) nötigte mich dazu, mein z'Morgesilserli jeweils in aller Eile an der Tramstation anstatt auf dem Arbeitsweg zu essen. Ich laste der BVB durch diese Vergewaltigung einer jahrzehntelang gewachsenen Esskultur eine direkte Mittäterschaft bei der Züchtung meines Reizdarms dafür an, und bin nachtragend wie der Almöhi wenn ich mit meinem Schnellfrühstück in der Winterkälte stehe.

Ein Bisschen tröstete mich als Nichtraucher die Einführung des Rauchverbots in Restaurants, denn wie jeder Mensch freue ich mich in solchen Fällen über das Unglück anderer, da es mich mein eigenes Kreuz leichter tragen lässt. Naturgemäss neigen Geknechtete nicht dazu, sich mit anderen Geknechteten zum Kampf um ihre Rechte solidarisieren. Viel lieber möchten sie weniger Geknechtete (vulgo "Privilegierte") auf ihr eigenes Niveau runtergerissen sehen.

Da müsste mich als Nichtautofahrer eigentlich das Basler Verkerhsregime mit Häme und Schadenfreude erfüllen. Die voranschreitende Eliminierung der Verbrennungsmotoren in der verbotenen Stadt betrifft mich als passionierten ÖV-Nutzer nicht, womit die Grundlage für ein gerüttelt Mass an Schadenfreude gegeben wäre. Doch dem ist nicht so. Die Obrigkeit will mit entschlossener Hand durchgreifen, und ich werde dabei zum Kollateralschaden.

Jene die nicht in Basel wohnen aber hier arbeiten (und deren Zahl steigt stetig) sollen demnach ihre Autos daheim lassen und mit Tram und Bus herkommen. Das entlaste die Stadt von Individualverkehr und soll die Luftqualität verbessern. So weit so gut. Aber wenn nun alle Pendler plötzlich auf die ÖV umsteigen, tangiert dies gewaltig mein ureigenes Jagdrevier. Präventiv macht sich schon flottierende Xenophibie in meiner Seele breit.

In unruhigen Nächten suchen mich Alpträume heim, in denen mir ein Elsässer meinen Sitzplatz im Tram wegschnappt, eine Badenserin mir den Weg zum Ausgang versprerrt, während mir ein Fricktaler auf die Füsse tritt und eine Laufentalerin meine Zeitung mitliest. Wenigstens kann mir keiner von denen in der drückenden Enge vom Silserli abbeissen, womit das Essverbot von 2003 eine positive Spätfolge gezeitigt hat.

In vier Dekaden ÖV wappnete mich Erfahrung für viele Fälle. Ich lernte zu spüren wenn jemand bald aussteigt und ich im prallvollen Tram seinen Sitzplatz erben kann. Ich weiss wohin ich mich stellen muss, um flink freigewordenes Terrain zu besetzen. Ich habe erkannt, wann Skrupellosigkeit mich im Dschungel des Fahrgastraumes am Leben erhält, und wann taktische Höflichkeit angebracht ist, da ich sowieso bald aussteigen muss.

Die ÖV sind die Manifestation von Darwins Survival of the fittest im urbanen Raum. Wer immer diesen in tramgrünen Mikrokosmos eintritt um von Punkt A nach Punkt B zu gelangen, ist gut mit Dantes Maxime bedient, und lasse alle Hoffnung fahren. In Stosszeiten ist man schon heute genötigt, eingepfercht wie eine Sardine fremde Natelgespräche Ohr an Ohr mitzuhören und vom billigen Parfüm bis zum extraordinären Körpergeruch alles zu inhalieren.

Und zu all den ungeliebten Konkurrenten um Sitzflächen, Stehplätze und Bewegungsfreiheit stösst nun noch ein zusätzliches Heer von Rivalen. Wie Heuschreckenschwärme werden sich nun Pendler in die ÖV drängen. Sie werden sauer sein weil sie nun 5 Stunden anstatt 20 Minuten zur Arbeit brauchen, und was ihnen an Kampferfahrung fehlt werden sie durch plumpe Brutalität im Ringen um Vortritt ausgleichen. Fahren Sie einmal U-Bahn in Tokio.

Die Ressourcen werden knapp werden. Wie überall in freier Wildbahn müssen dann die Schwächsten dran glauben. Ich werde vielleicht noch eine Weile mithalten können. Dann lassen aber meine Fäuste, Ellbogen und Füsse nach, und ich mutiere zum Treibgut im Öffentlichen Verkehr, angewiesen auf die Gnade anderer, die einem alternden Mann vielleicht einen Platz gönnen oder ihn zur Tür durchlassen wenn er aussteigen muss.

Irgendwann werde ich als Greis an einer Tramstation verhungert aufgefunden, weil ich darauf wartete dass die Stosszeit vorbeigeht ist und ich doch noch die 143 Stationen zur nächsten Postfiliale auf einem einfachen Stehplatz fahren kann. Und weil ich so alt und verkalkt war, habe ich nicht realisiert dass wir zu einer Rund um die Uhr-Gesellschaft geworden sind, wo 24 Stunden gearbeitet und konsumiert wird, und ständig Stosszeit ist.

engel

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