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Glosse Nr.40 / 30. Januar 2011

Selbstzweifel des Zeichners

Es ist wohl das was Männer so durchmachen wenn sie im mittleren Alter rumdümpeln. Einige wollen einen neuen Haarschnitt, andere kaufen sich ein Motorrad und noch mal andere (manchmal auch alles in Personalunion) betrügen ihre Gattinen mit zwanzig Jahre jüngeren Damen. Die Herren der Schöpfung spüren dass die zweite Halbzeit ihres Lebens begonnen hat, fürchten dass es keine Verlängerung gibt, und sehnen sich, von Hormonen aufgewühlt, zu den knackigen ersten Spielminuten zurück.

Ganz ohne Zweifel wird es dieses Phänomen sein, welches mich dazu trieb meine zeichnerische Ader nunmehr auch online als Dienstleistung anzubieten >> www.baslergrafik.ch. Vor 20 Jahren war ich lebhaft am Zeichentisch, und stiess wöchentlich blattweise Kreatives aus. Dann begann ich Stadtführungen zu machen und widmete mich der Basler Geschichte. Die Zeichnerei lief auf Sparflamme. Die Rotring-Batterie vergammelte und die Gouache wurde steinhart in der Tube.

Nun plötzlich vor einiger Zeit dieser starke Drang nach dem Griff zu Stift und Pinsel. Gerätschaften die ich zuletzt intensiv nutzte als MTV noch sehenswert und Silserli-Essen im Tram kein Verbrechen war. Aha, die grauen Haare von Monsieur bereiten ihm Sehnsucht nach den Tagen unbeschwerter Jugend. Sei's drum. Zeichnen macht einem nicht lächerlich wie eine "Ich bin nicht alt!" brüllende Frisur, bricht einem nicht alle Knochen auf der Autobahn und ruiniert auch nicht die Ehe.

Vieles reift im Alter. Wein zum Beispiel. Weisheit angeblich. Selbstzweifel ganz gewiss. Schleichend wie Dioxin in deutschen Hühnereiern steigen kritische Gedanken am eigenen Oevre im Gehirn auf um dort Defaitismus zu streuen. Dann werden zum Vergleich Schöpfungen etablierter Meister ausgebreitet. Wieso sehen technische Details nicht so stark aus wie bei Romain Hugault? Womöglich weil Franzosen ein besseres Händchen für Flugzeuge (und Pilotinnen) haben?

Warum bekommt Simon Bisley düstere Stimmungen hin während mein Gepinsel aussieht nach kaputter Glühbirne im Badezimmer? Bei Angus McBride sieht Messing auf dem Papier aus wie Messing. Bei mir bloss wie eine geschälte Marroni. Schön war die Jugend, als man sorglos von sich selbst überzeugt sein konnte ohne sich um Mängel am eigenen Werk zu kümmern. Schauen Sie sich bei bei Jungparteien um. Dort ist unüberlegter Grössenwahn ohne Reue und Zweifel mächtig en Vogue.

Kommt man in die Jahre, merkt man dass es jenseits des eigenen Tellerrands noch eine Welt gibt. Und die zeigt einem dann manchmal, dass man nicht mal das Filet auf diesem Teller sondern nur eine kleine Erbse ist. Allerdings ist diese Erkenntnis als Positionsangabe sehr hilfreich. Wenn man weiss wo man steht, wird einem auch klar wie weit der steinige Pfad noch führt. Natürlich könnte man bei diesem Anblick entmutigt die Wanderung abbrechen weil man sowieso nie zum Gipfel kommt.

Dann ist es doch wieder ganz gut, dass man mit den Jahren am Leben gehärtet wurde wie ein Tonpott im Brennofen. Man schmeisst den Wanderstock nicht so schnell ins Korn, und ist ja auch schon einen ganzen Zacken besser im Umgang mit Farben als vor 20 Jahren. Anders als in jungen Jahren ist man mittlerweile eher bereit nochmals den Skizzenblock rauszuholen um neu zu beginnen, bevor man eine missratene Schöpfung um der eigenen Bequemlichkeit Willen schönredet.

Es hat auch seine Vorteile nicht mehr ganz so jung sein zu müssen. Mit etwas Geschick schafft man es dann auch, die neu entdeckte Quelle der Kreativität nicht einer Midlifecrisis zuzuschreiben sondern es sich als neue Stufe der Erleuchtung auszumalen. Dann hat man eigentlich die Zutaten für eine erfüllende Zusatzbeschäftigung. Und ich muss mich nicht rumschlagen mit Haarspray, einer Motorradzulassung oder pubertärem Balzgebahren jenseits der Vierzig.



engel

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