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Glosse Nr.43 / 02. März 2012

Abfall und Gerechtigkeit

Der Weg zur Tramstation führt durch ein kleines Waldstück. Dort findet man im Gehölz reichlich PET-Flaschen, Getränkedosen, Packungen von Zigaretten und dergleichen. Das Zeug gehört nicht zur Flora, gedeiht aber dort ganz besonders. Vermutlich weil in der Natur der urbane Mensch unserer Tage vielfach jede Selbstverantwortung so hurtig ablegt wie ein aus Brennnesseln genähtes T-Shirt.

Ich könnte mich darüber nerven. Aber unterm Strich bringt es mehr, mit einer Plastiktüte das Zeug einzusammeln. Das tat ich und lud dann den gefundenen Müll in einem öffentlichen Abfalleimer an der Tramstation ab, stolz die auf verlorenem Posten kämpfende Stadtreinigung ein wenig unterstützt zu haben. Plötzlich stand eine Dame neben mir und fauchte mich an. Was mir einfiele, meinen Abfall einfach hier zu entsorgen.

Mein Hinweis dass ich gemeinnützig wirke und dies nicht mein Abfall sei, wurde ignoriert und ging in der weiteren Verlesung der Anklageschrift unter, in der auch die für mich höchst ungewohnte Zuordnung "Junkie" fiel. Als eine furchtbar rächende Kriemhilde lief die Mittfünfzigerin zu grosser Form auf. Ich fürchtete dass gleich mein Kopf in den Staub rollte, obwohl ich Siegfried meiner Lebtag nicht getroffen hatte.

Es war ein Déjà vu. Im Primarschulalter hatte ich einmal in meiner spiessigen Art ein Dutzend Velos wieder aufgestellt, die zwei Rabauken aus meiner Schulklasse aus Jux hohnlachend umgestossen hatte. Die Schurken waren über alle Berge, als mich beim Aufstellen ein Mann von Hausmeisterkaliber mit dem Spruch "Jetzt hab' ich dich, Bürschlein!" am Ohr packte dass es knackte. Das war schmerzhaft und verwirrend.

Was sollte der triumphiernde Spruch? Ich war doch keine nennenswerte Jagdbeute und sah auch keinerlei Anlass für die vertrauliche Anrede "Bürschlein". Der Mann hatte aber seiner Ansicht nach klar gesehen, wie ich die Fahrräder umgestossen hätte. Dafür sollte ich nun büssen. Das war der Moment in dem ich erkannte dass Wahrheit nichts mit Realität zu tun hatte. Sie ist vielmehr einzig die siegreiche Auslegung der Überlegenen.

Zur Polizei wollte er mich bringen, und meine Eltern anrufen. Da ich unschuldig war und mir mein Ohr mächtig weh tat, hielt ich es für opportun ihn rückwärts in die eben aufgestellen Velos zu schubsen und danach hurtig das Weite zu suchen. Nie wieder Gutes tun! Die Geschichte der Menschheit ist voll von Narren die für edle Taten bitterlich büssen mussten. Heute war an diesem Abfalleimer mal wieder die Reihe an mir.

Doch mir war nicht nach Märtyrertum und Busse. Skrupellos drehte ich den Spiess um und hielt Madame vor, dass ich hier nur den Abfall zusammeräume den sie und ihresgleichen in gottvergessener Phlegmatik liegenliessen. Gerade sie sollte den Mund halten, sonst verrate ich der Nachbarschaft dass sie ihre Blumenkistchen in die öffentlichen Rabatten entleere, und dass ihr Hund in den Sandkasten beim Kindergarten brunze, etc...

Ich wusste weder ob sie einen Hund noch Blumenkistchen hatte; aber in der Politik sind solche verbalen Blendgranaten längst legitim. Ich wurde vor Jahren einmal im Tram öffentlich exekutiert weil ich jemandem half (Siehe >> Glosse Nummer 7). Das liess ich mir nicht nochmals bieten. Dem Füllhorn meiner Anschuldigungen hielt sie knapp 20 Sekunden stand, und floh dann verstört. Das Gefecht am Mistkübel war gewonnen.

engel

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