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huelftenschanze
3. August 1833 - 09.30 Uhr bis 10.30 Uhr

lageplan

Die Basler wollen Pratteln durchqueren

Der ursprüngliche Plan hatte vorgesehen, dass ein kleinerer Teil von Vischers Truppen durch Pratteln hindurch über das Erli zog um die Hülftenschanze zu umgehen. Derweil sollte die Hauptmacht der Strasse im Tal folgend die Hülftenschanze direkt angehen. Aber Benedikt Vischer beschloss von den Vorgaben abzuweichen und verfolgte einen eigenen Plan. Dieser sah offenbar vor mit dem grössten Teil seiner Truppe inklusive Artillerie den Weg über die waldige Höhe des Erli einzuschlagen. Um sicher durch das Dorf zu gelangen, sollten vorerst zwei Abteilungen die Lage auskundschaften.

hauptstrasse pratteln

Blick von Osten her auf die Prattler Hauptstrasse. Während am 3. August 1833 die Vorhut der Standeskompanie direkt von der Kirche im Hintergrund her Richtung Kamera vorrückte, stiessen die Jäger von Hauptmann DeBary erst beim damaligen Gasthof Kreuz auf die Hauptstrasse.

Die Vorhut Johann Lucas von Mechels zog von Westen her ins Dorf hinein. Vischers Befehl besagte dass von Mechel mit seinen Leuten das Dorf Pratteln im Laufschritt durcheilen sollte. Ihnen hätte dann erst bei gesicherter Lage das Gros der Standeskompanie folgen sollen. Oberstleutnant Johannes Burckardt, Kommandant der Standeskompanie, missachtete aber alle Weisungen. Er marschierte eigenmächtig direkt hinter von Mechel nach Pratteln hinein. Nördlich des Dorfes zog zur gleichen Zeit mit der Miliz der grössere Teil von Vischers Truppen auf. Auch von hier wurden Aufklärer losgeschickt.

Hauptmann Johannes DeBary erhielt Befehl mit seinen Jägern am Dorfrand vorzurücken um weiter östlich auf die Hauptstrasse zu stossen. Er kam mit dem ersten Zug seiner Kompanie beim Gasthof Kreuz auf die Hauptstrasse. Von Mechel war mit der Vorhut der Standeskompanie von Westen her auf die Hauptstrasse gelangt, Oberstleutnant Burckhardt mit dem Rest der Standeskompanie auf ihren Fersen. Aber von einem eiligen Durchmarsch konnte keine Rede sein. Hauptmann Theodor Kündig von der Standeskompanie hatte der Vorhut nämlich eine neue Weisung erteilt, die dem Befehl von Oberst Vischer entgegenlief.

Das Polenmädchen Im Prattler Geisswald

Die Vorhut sollte nicht durch Pratteln eilen, sondern einige Fuhrwerke beschlagnahmen um jene Wagen für Verwundete zu ersetzen welche die Hauptmacht nicht erreicht hatten. Wie in Muttenz hatten auch in Pratteln die wehrpflichtigen Männer das Dorf verlassen. Sie gingen auf der Prattler Seite des Erli im Geisswald in Stellung, mit Blick auf die Hauptstrasse. Unter ihnen war eine junge Frau - Kamilla Mieroslawska; ein Teenager in Männerkleidern. Sie stammte aus Polen, wie ihre beiden älteren Brüder. Diese gingen bis vor einigen Jahren auf die Kadettenschule im polnischen Kalisz.

Die Brüder Mieroslawski verliessen 1830 die Schule in Zentralpolen um sich in Warschau am erfolglosen Novemberaufstand gegen die Russen zu beteiligen. Nach der Niederschlagung der Rebellion flohen die Brüder nach Frankreich wo ihre Eltern lebten. Kamilla war damals zu jung gewesen um sich wie ihre Brüder an den Kämpfen um Polens Freiheit zu beteiligen. Sie war nach Ihrer Mutter Camille Adelaide de la Notte de Vaupleux benannt, einer französischen Adligen. Ihr Vater Adam Kacper Mieroslawski stieg in Frankreich unter Napoleon zum Baron auf und war zum Ritter der Ehrenlegion erhoben worden.

Im Umfeld des Oberschlesiers Karl Kloss gab es einige geflohene Polen auf Seiten der Landschaft; so auch Kamilla Mieroslawska. Hemdsärmlig, bewaffnet mit Säbel und Stutzer wollte sie es ihren Brüdern im Kampf gleichtun. Sie war zu Pferd von Liestal herbeigeeilt. Ein Bub brachte einen Korb mit Lebensmitteln in den Geisswald, was die Männer aber zurückwiesen. Nur Kamilla habe angeblich ein Glas Branntwein geleert. Die Basler trafen unten im Dorf auf einige wenige verbliebene Zivilisten die den Einmarsch beobachteten, Unter ihnen städtisch gesonnene Prattler. Dann fielen zwei Schüsse.

In Pratteln bricht Panik aus

Bis heute ist nicht zweifelsfrei geklärt, ob tatsächlich Schüsse aus Prattler Häusern auf die Basler abgegeben worden waren. Als ziviler Arzt war der Chirurg Emil von Speyr mit der Truppe ins Feld gezogen. Er war den Basler Behörden als Radikaler politisch suspekt und stand in der Stadt unter Überwachung durch die Polizei. Er meinte dass die Schüsse innerhalb des Dorfes gefallen seien. Auch Hauptmann Johannes DeBary glaubte wahrgenommen zu haben, dass aus Häusern geschossen worden sei, wobei er unterschied zwischen Schüssen im Dorf und solchen die von ausserhalb fielen.

alte schulstube von pratteln

Das alte Schulhaus von Pratteln vorne links und die nördliche Seite der Hauptstrasse. Hier schossen die Basler Truppen besonders heftig umher. Fenster und Wandtafel der Schulstube wurden durch Projektile zerschmettert.

Der Zeitzeuge Jonas Dill gab viel später, im November des Jahres 1887 zu Protokoll, dass aus einem Haus in dessen Nähe er beim Einmarsch der Basler gestanden habe zwei Schüsse gegen die Truppen gefallen seien. Sie hätten seines Wissens indes niemanden verletzt. Gefeuert hätten nicht Prattler sondern ein Hausbewohner namens Leuenberger aus Bern und dessen Knecht namens Fricker aus dem Aargau. Die wehrpflichtigen Männer des Dorfes hätten zu diesem Zeitpunkt bereits Dorf verlassen um in den Kampf zu ziehen. Die Frage um diese zwei fatalen Schüsse ist bis heute ungeklärt.

Es gab dazu viele Aussagen die sich teilweise widersprachen. Absolute Gewissheit brachten sie jedoch nicht. Sicher ist jedoch eines - mit diesen Schüssen, egal woher, geriet die Situation rasch ausser Kontrolle. DeBarys Jäger, sich unter feindlichem Beschuss aus dem Dorf glaubend, eröffneten nervös das Feuer in der mit Zivilisten belebten Hauptstrasse. Von Mechels Vorhut und die nachgerückte übrige Standeskompanie unter Oberstleutnant Burckhardt kamen aufgeschreckt in Bewegung. Doch sie behinderten sich gegenseitig wegen der beengten Verhältnisse in den Dorfgassen.

Das ungeführte und hysterische Schiessen griff um sich und immer mehr Soldaten schossen auf der Hauptstrasse gegen die Häuser. Die Scheiben der Schulstube zersplitterten, neun Musketenkugeln bekam die Wandtafel ab. Drei Einwohner von Pratteln wurden getötet, unter ihnen der fünffache Vater und Fassbinder Johannes Rebmann. Als einer der wenigen Stadttreuen sah er erfreut die einrückenden Basler. Ein Kopfschuss tötete ihn als er aus dem Giebelfenster seines Hauses schaute. Vom Geisswald herab fielen Schüsse der Prattler Mannschaft. Sie nahmen die Hauptstrasse unter Feuer.

Die Basler zünden Häuser an

Oberstleutnant Johannes Burckhardt wusste dass die Hauptgefahr nicht in den Häusern lauerte, sondern vom Erli herab kam. Chirurg Emil von Speyr versorgte auf der Bank vor dem Gasthaus Ochsen Verwundete. Dabei bekam er mit wie Burckhardt Hauptmann Theodor Kündig befahl einige Häuser in Brand zu setzen, damit die Prattler Männer vom Geisswald herab kämen um zu Löschen. Empört warf Kündig seinen Degen zu Boden und verweigerte diesen Befehl mit dem Ausruf "Ich bin kein Mordbrenner!". Burckhardt wandte sich an Leutnant Johann Jakob Wick, der den Befehl zum Brandlegen dann ausführen liess.

Auf den Feldern nördlich des Dorfes wartete Oberst Benedikt Vischer mit der übrigen Miliz und der Artillerie. Das letzte was er wollte waren aufreibende Strassenkämpfe in den Gassen eines Dorfs. Als aus Pratteln schwarzer Rauch von den angezündeten Häusern aufstieg, traf die harte Realität des Krieges den feinfühligen Vischer schwer. Die lagernden Milizsoldaten sahen ihren Oberkommandierenden mit Tränen in den Augen und Nastuch in der Hand, während er das Geschehene mit bewegter Stimme beklagte. Die ohnehin bescheidene Kriegslust der Miliz schwand vollkommen.

Eine Milizabteilung war allerdings noch während des Brandes unter dem Kommando Oberleutnant Karl Burckhardt-Vischer (Schwiegersohn von Oberst Benedikt Vischer) nach Pratteln hinein vorgerückt. Sie stiess dort auf das nackte Chaos. Noch immer krachten Schüsse aus Basler Musketen. Zugleich rannten Frauen und Kinder umher um zu Löschen und zu verhindern dass weitere Häuser in Flammen aufgingen. Auch die Schiesserei vom Geisswald herab hatte nicht aufgehört. Neben all dem nutzten einige Basler Soldaten das Durcheinander um zu Rauben und zu Plündern.



Infobox - Brand von Pratteln am 3. August 1833

ausgebranntes haus

Die Ereignisse forderten unter der Bevölkerung Prattelns drei Todesopfer. Vor seinem Haus wurde der ledige 55 Jahre alte Schneider Friedrich Schwob erschossen. Im Flur seines Hauses wurde der 52jährige Metzger und Gemeinderat Niklaus Dürr-Fricker, Vater von fünf Kindern, erschossen. Der 48jährige Küfer und und fünffache Vater Johannes Rebmann-Zeller wurde beim Blick aus dem Taglicht seines Hauses durch einen Kopfschuss getötet. Neun Häuser an der Hauptstrasse brannten aus, wodurch 60 Leute ihr Obdach verloren. Die durch den Brand verursachten Kosten wurden wie folgt geschätzt: Franken 27'210.- Häuserschaden, Franken 2'718.50 Räumungskosten, Franken 45'823.10 Mobiliarkosten und Franken 479.- Feldschaden.


Die Dorfbewohner versuchen zu löschen

Die nervösen Basler Soldaten machten im Chaos aus Feuer, Rauch und Geschrei Anstalten auf alles zu Schiessen was sich bewegte. Die geladenen Musketenläufe wurden hektisch gegen löschende Frauen und Kinder gerichtet. Der Offizier Karl Burckhardt-Vischer trat entschlossen dazwischen als seine Männer begannen auf einen Mann schiessen, der verzweifelt versuchte brennendes Holz von einem Haus wegzuscheiben. Um weiteres Schiessen zu verhindern stellte sich Burckhardt vor die Front seines Zuges und ging auf und ab, bereit jedes weitere Feuern zu unterbinden.

Konrad Burckhardt, ein anderer Offizier, schlug die zielenden Musketenläufe seiner Männer mit dem Degen energisch nieder. Er brüllte sie wütend an, sie sollten lieber beim Löschen zu helfen als auf diese Menschen zu schiessen. Die Brandstiftung, das wilde Schiessen und die getöteten Zivilisten waren einigen Basler erkennbar zuwider. Der grösste Teil der Standestruppe wurde von Oberstleutnant Johannes Burckhardt indes mühevoll aus dem Dorf geführt. Er berichtete später dass seine Leute auf kein Kommando mehr gehört hätten. Keiner wusste wo von Mechels Vorhut stand.

Aide-Major Johann Lucas von Mechel hatte seine Vorhut nach Osten aus dem Dorf geführt. Dort, am anderen Ende von Pratteln, sammelten sich seine Jäger der Standeskompanie bei einem Landjägerhäuschen und warteten auf die Hauptmacht zum Weitermarsch Richtung Liestal. Gegen 10.30 Uhr wurde das brennende Pratteln dann von den Basler Truppen verlassen. Pfarrer Jakob Rahn hatte zusammen mit einigen Frauen die Feuerspritze hervorgezogen und dirigierte sie beim Löschen. Vom Geisswald auf dem Erli stiegen jetzt Prattler Männer herunter um ihren Familien bei der Brandbekämpfung zu helfen.



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Beitrag erstellt 05.08.05 / Nachgeführt 31.07.12

Quellen:

August Bernoulli, Basel in den Dreissigerwirren, Band IV - Von der Anerkennung des Kantons Basel-Landschaft bis zur gänzlichen Trennung von 1833, 88. Neujahrsblatt der GGG, Verlag Helbing & Lichtenhahn, Basel, 1910, Seiten 41 bis 44

Martin Birmann, Beitrag "Der 3. August 1833", publiziert im Basler Jahrbuch 1888, herausgegeben von Albert Burckhardt und Rudolf Wackernagel, C.Detloff's Buchhandlung, Basel, 1888, Seiten 95 bis 97 und 100 bis 101

Daniel Burckhardt-Werthemann, Bilder und Stimmen aus dem verschwundenen Basel, Verlag Friedrich Reinhard AG, Basel, 1946, Seiten 68 bis 69 (zu Oberleutnant Karl Burckhardt-Vischer)

Eduard Schweizer, Beitrag "Der Sieg der Schweizerischen Regeneration im Jahr 1833", publiziert in Basler Zeitschrift für Geschichte und Altertumskunde, Band 46, Verlag der Historischen und Antiquarischen Gesellschaft, Basel, 1947, Seiten 106, 119 bis 123

Fritz Sutter, "Wo nä Stärn stoht uf em Stei" Blätter aus der Prattler Ortsgeschichte, Verlag Prattler Anzeiger, Pratteln, 1992, Seite 31

Adolf Vischer, Die Geschichte des dritten August 1833, Verlag Felix Schneider, Basel, 1888, Seiten 27 bis 31 und 70 (zum Brand von Pratteln)

Karl Weber, Die Revolution im Kanton Basel 1830-1833, Verlag Gebrüder Lüdin, Liestal, 1907, Seite 213

Ernst Zeugin, Pratteln - Beiträge zur Kulturgeschichte eines Bauerndorfes, Prattler Heimatschriften Band 3, Max Muff Buchdruck und Offset, Pratteln, 1954/79, Seiten 172 bis 173 (zum Brand von Pratteln)

Ernst Zeugin, Aus der Schulgeschichte der Gemeinde Pratteln, Prattler Heimatschriften Band 5, Max Muff Buchdruck und Offset, Pratteln, 1973, Seite 24 (zu Schulmeister Johann Martin und zum Brand von Pratteln)

Ernst Zeugin, Aus früheren Zeiten - Bilder aus Prattelns Vergangenheit, Prattler Heimatschriften Band 6, Max Muff Buchdruck und Offset, Pratteln, 1974, Seiten 86 bis 87 (zum Brand von Pratteln), 119 (zum Brand von Pratteln und Kamilla Mieroslawski) bis 126 und 136

Abschnitt "Urtheile und Beschlüsse des eidgenössischen Schiedsgerichts" publiziert in Summarischer Bericht der Theilungs-Kommission an E. E. Grossen Rath des Kantons Basel-Stadttheil, Schweighauser'sche Buchdruckerei, Basel, 1834, Punkte 77 bis 82 (zu den Brandschäden in Pratteln)

Ludwik Mieroslawski - Website der Universität Danzig, publiziert im Internet unter: http://univ.gda.pl/~literat/jez/ (zur Genealogie von Kamilla Mieroslawski) NEU http://lisa.mmz.uni-duesseldorf.de/~histsem/revolution/id-nr/40000032328.htm

Adam Mieroslawski - Website des Politechnikums Danzig, publiziert im Internet unter: http://www.pg.gda.pl/pismo/99_07/s15.shtml (zur Genealogie von Kamilla Mieroslawski)

Adam Kasper Mieroslawski - Wikipedia Polen, publiziert im Internet unter: http://pl.wikipedia.org/wiki/Adam_Kasper_Mieroslawski (zur Genealogie von Kamilla Mieroslawski)

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